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PYON-KYONG

für Klavier und Schlagzeug (1982)



Pyon-Kyong heißen die alten chinesisch-koreanischen Klingsteine aus Nephrit; sie sind in Spielen zu 16 Steinen in einem Holzgestell aufgehängt, dessen Füße als Skulpturen weißer Wildgänse gestaltet sind. Den Klingsteinen und den Bronze-Glockenspielen, die aus 16 Glocken bestehen und immer mit den Klingsteinen zusammen gespielt werden, ist eine besondere Stimmung eigen: Sie erstreckt sich über eine kleine Dezime und ist chromatisch, verläuft aber in ungleichen Halbtonschritten. Im Jahre 1425 wurde der Nephrit auch in Korea als Klangmaterial entdeckt, und binnen nur zweier Jahre fertigten koreanische Steinmetze nicht weniger als 500 Klingsteine an. Der Klang dieser Steine ist äußerst hell und klar; in ihm erklingt unsere Vergangenheit. 

Einer der Gründe, warum ich mich an die seltsamen, archaischen Klingsteine erinnerte, liegt sicher darin, dass ich nach einer Entsprechung zwischen meiner koreanischen Musikauffassung und dem extrem europäischen Tasteninstrument des Konzertflügels suchte; es war nämlich an mich der Auftrag ergangen, eine Komposition für Klavier und Schlaginstrumente zu schreiben. Der helle Klang der mit einem Schlägel aus Horn angeschlagenen Steine lässt die Idee einer leuchtenden, fein abgestimmten, sich verwandelnden Klanggestalt zu, die ich in einer Kette von Klavierakkorden, verbunden mit dem metallenen Klang der hohen Crotales - kleiner Becken oder Zimbeln - festzuhalten suchte. Auch war es mir wichtig, von den acht materialbezogenen Stufen des Instrumentalklangs auszugehen, wie das taoistische Musikdenken sie kennt: METALL - STEIN - SAITEN - BAMBUS - TONERDE - KÜRBIS - FELL - HOLZ. Von da aus versuchte ich, zwischen den unterschiedlichen Klanglichkeiten von Klavier und Schlagzeug Übergänge und Verbindungen herzustellen. 

Das Schlagzeug-Instrumentarium umfasst sieben METALL-, sechs HOLZ- und fünf FELL-Instrumente, dazu noch Rasseln aus Glas und Muscheln. Als SAITENSPIEL steht das Klavier im Mittelpunkt, das sich - zusammen mit den sehr hohen Crotales angeschlagen - in den Steinklang verwandelt. Die durch Präparierung der Klaviersaiten - das heißt durch verschieden starke Abdämpfungen bestimmter Register - entstehenden Klänge rücken sie für mich in die Nähe von BAMBUS-, KÜRBIS-, und TONERDE-Klängen. Auf diese Weise versuche ich, trotz Benutzung des Konzertflügels alle Stufen unserer materialbezogenen Musikkultur anklingen zu lassen.

Younghi Pagh-Paan (1982)



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