MARITA EMIGHOLZ

Laudatio für Younghi Pagh-Paan

anlässlich der Verleihung der FEM-Nadel am 19. 10. 2018 in Donaueschingen

Liebe Younghi,
sehr geehrte Damen und Herren,

als wir beide vor einiger Zeit zum ersten Mal über die FEM-Nadel miteinander sprachen, hast Du sie sofort als „sehr ehrenhaften“ Preis bezeichnet und Deiner Freude darüber, dass Du sie bekommen sollst, deutlich Ausdruck verliehen. „Jemanden ehren bedeutet, ihm eine neue Ehre zuzuerkennen“ (so ist es bei Wikipedia zu lesen), und in der Tat: mit der FEM-Nadel wird Dir eine neue Ehre zuerkannt, denn viele Ehrungen und Preise hast Du für Dein Lebenswerk bereits bekommen. Mit der FEM-Nadel, einer Ehrennadel für besondere Verdienste um die zeitgenössische Musik, will die Fachgruppe E-Musik des Deutschen Komponistenverbandes zum „kulturpolitischen, sozialen wie künstlerischen Engagement inspirieren, wie es die mit der Nadel Geehrten an den Tag legen.“

Liebe Younghi, ich halte heute nicht die erste Laudatio für Dich, ich habe auch über Dich geschrieben und zahlreiche Radiosendungen mit Dir und Deiner Musik gemacht. Für diese Ehrung heute werde ich versuchen, den Blick auf das zu lenken, was Du uns über Deine Musik hinaus alles gegeben hast. Über das Phänomen „Ehre“ haben Historiker, Soziologen, Theologen und Philosophen geschrieben, und ich bin bei meinem Nachdenken darüber nicht weit gekommen, doch immerhin dazu, mich heute einmal nicht primär an Deinen musikalischen Werken zu orientieren, sondern an dem, wofür Du heute geehrt wirst. Jetzt ist das Wort „Ehre“ schon ziemlich oft gefallen,- es kommt dann in dieser Rede auch nicht wieder vor, aber an dieser Stelle möchte ich vorausschicken, dass es für mich eine große Ehre ist, gerade diese Laudatio für Younghi Pagh-Paan halten zu dürfen.

„Ich hoffe, ich habe nicht nur für mich gelebt,“ hast Du, liebe Younghi, in einem Interview für die Zeitschrift „Viva Voce“ im Jahr 2005 gesagt. Und auch dies: „Vor allem in Deutschland habe ich sehr viel gelernt, nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich, ich habe gelernt, wie man lebt. Wenn ich in Korea geblieben wäre, hätte ich mich sicher ganz anders entwickelt. Ich wäre eine viel zahmere Frau geblieben. In Deutschland bin ich ein viel aktiverer Mensch geworden.“

Als Du 1994 Professorin für Komposition an der Hochschule für Künste in Bremen wurdest, warst Du damit die allererste Kompositionsprofessorin in Deutschland, und das – wie es heute heißt – mit Migrationshintergrund! Damit hast Du auch Türen für andere Komponistinnen geöffnet. Noch im selben Jahr hast Du an der Hochschule das „Atelier Neue Musik“ gegründet, das bis heute regelmäßig Konzerte mit zeitgenössischer Musik realisiert, überwiegend mit den Stücken aus der Bremer Kompositionsklasse. Es war Dir wichtig, dass die neu entstandenen Stücke auch aufgeführt wurden, und Du hast zu recht gesagt: „Wenn sich heute Komposition als Studienrichtung nicht in die Sackgasse eines Neoakademismus oder in die 'Verwissenschaftlichung' der Musik hineinziehen lassen will, ist eine der wesentlichen Voraussetzungen, dass die Studierenden während eines Studiums durchgehend Gelegenheit erhalten, praxisbezogen zu arbeiten.“ Und das funktioniert bis heute auf ganz wunderbare Weise! Du hast Deine eigene kompositorische Arbeit zurückgesetzt, um Dich mit „totaler Hingabe“ - wie Du es selbst benannt hast – der Ausbildung Deiner Studierenden zu widmen. Für Dich als Professorin – Du bezeichnest Dich selbst lieber als „Lehrerin“ - war es selbstverständlich, eben nicht egoistisch für die eigene Karriere zu leben, sondern vorrangig die Eigenständigkeit jeder einzelnen Studentin, jedes einzelnen Studenten zu fördern.

Was sie von Dir lernten, war: Anregungen anzunehmen, ohne die eigene Identität aufs Spiel zu setzen, etwas, das Du aus eigener Erfahrung weitergeben konntest, weil auch Du diesen Lernprozess erfolgreich durchlaufen hast. Du vergleichst Deine Studierenden mit einem Garten, in dem jeder und jede eine andere Blume ist. Und ich ergänze, dass dieser Garten in voller Blüte steht. Der Lehrerin Younghi Pagh-Paan haben viele zu verdanken, dass ihr Talent und ihre Einzigartigkeit erkannt und gefördert wurden. Das geht nur, wo gegenseitige Achtung, Menschlichkeit und Zusammenhalt gepflegt werden, wo durch ausreichend Anerkennung ein gesundes Selbstbewusstsein entstehen kann und die Stärke jeder und jedes Einzelnen betont werden. „Sie sollen ohne Angst komponieren“ und „Sie sollen sie selbst werden“, so Younghi Pagh-Paan als Lehrerin, die sich über ihre ehemaligen Studentinnen und Studenten freut, für die sie – auch das ihre Worte - „wie eine Löwin“ gekämpft hat. Zu ihnen gehören, um nur einige zu nennen, Farzia Fallah, Jamilia Jazylbekova, Samir Odeh-Tamimi, Elnaz Sayedi und Anton Wassiljew, die mittlerweile sehr erfolgreich ihren eigenen Weg gehen und damit auf ganz wunderbare Weise die Musikphilosophie Younghi Pagh-Paans in der Welt multiplizieren.

Und was für Inhalte werden mit diesem Multiplikationsfaktor denn eigentlich transportiert? Gesellschaftskritische, politische Inhalte? Ja, Younghi Pagh-Paans Musik und Denken sind zutiefst kritisch und politisch. In einem Interview, das anlässlich ihres 60. Geburtstags geführt wurde, sagt sie: „Politisch heißt eben nicht nur, mit roten Fahnen auf die Straße zu gehen. Politisch im weitesten Sinne ist eigentlich alles, was existiert und atmet. Alles bedeutet Politik: sterbende Bäume auf der Straße, verschmutztes Wasser oder sterbende Fische im Meer. Dass dieses Bewusstsein politisch ist, habe ich (…) in Deutschland gelernt. Und an anderer Stelle: „Ich möchte immer die aktuellen Geschehnisse in meine Arbeit einfließen lassen.“

In diesem Jahr, fünfzig Jahre nach 1968, hat Younghi Pagh-Paan ein Stück mit dem Titel „Uns dürstet“ für Klarinette, Altsaxofon und Schlagzeug geschrieben, mit dem sie Bezug nimmt auf die damalige Situation in Korea. „Uns dürstete“ - nach Demokratie. Der Widerstand und kämpfende Generationen sind auch schon 1983 Thema in ihrem Stück „Flammenzeichen“ für Frauenstimme und Schlaginstrumente mit Texten der „Weißen Rose“ aus dem antifaschistischen Widerstand, und ein Jahr später widmet sie ihr Stück „AA-GA I“ für Violoncello solo jenen, „die ihr Leben geopfert haben für die Wahrheit, die ihnen unausweichlich schien.“

Mit ihrer Musik öffnet Younghi Pagh-Paan Fenster, die den Blick auf das Heute lenken, auch mit Erinnerungen an vergangene Zeiten und Geschehnisse, „die man gerne und andauernd verdrängt.“ Younghi Pagh-Paan ist auch eine Mahnerin. Das ständig Wiederkehrende, Dauerhaftigkeit und Beständigkeit sind ihr Tugenden, die sie mit ihrer Musik und ihrem Leben zu realisieren sucht. Beim Komponieren müssen – so hat sie gesagt – Herz und Verstand, Seele und Vernunft im Einklang sein, ein Zustand, der die politische Stellungnahme unausweichlich macht.

In ihrem Stück U-MUL (Der Brunnen) fordert Younghi Pagh-Paan die gerechte Verteilung des Wassers, der Quelle des Lebens, unter den Menschen, und mit ihrem Stück „Imaginärer Tanz einer Dichterin“ bezieht sie sich auf die koreanische Dichterin Heo Chohui, die im 16. Jahrhundert gegen das traditionelle Frauenbild rebellierte. Seit Mitte der neunziger Jahre ist Younghi Pagh-Paan fasziniert von der altgriechischen Mythologie und befragt sie nach Antworten auf die eigenen Fragen. Die Erzählungen über Io, in der antiken Literatur der erste Flüchtling, die erste um Schutz flehende Person, wurden für sie zum Opernstoff. Die Schreie der lebendig eingemauerten Antigone sind für Younghi Pagh-Paan das „Urbild des musikalischen Ausdrucks schlechthin, rebellisches Zeichen eines ungebrochen starken Lebenswillens“,- so formulierte es Max Nyffeler. Zur Zeit arbeitet Younghi Pagh-Paan gleich an zwei Opern, die sich mit dem Oedipus-Stoff befassen.

In meiner ersten Laudatio, die ich für Dich, liebe Younghi, bei der Verleihung des Heidelberger Künstlerinnenpreises vor 23 Jahren hielt, habe ich viel von Deiner Prägung durch asiatische Kultur und Philosophie gesprochen, von Deinem Leben in der Fremde und von der Trauer über den Verlust der Heimat und der Trauer über die geschundene und gequälte Erde. Ich schrieb auch, dass diese Trauer in Deiner Musik nie zur Verzweiflung führe, sondern immer noch Hoffnung zu erkennen sei. Von dieser Trauer hast Du Dich mit Deiner kompositorischen Arbeit befreit, und auch jetzt, ein Jahr nach dem Tod Deines Mannes Klaus Huber, ist es das Komponieren, das Dich unaufhaltsam vorantreibt.

Du bist – wie es Volker Hagedorn genannt hat - „in der Fremde heimisch geworden“ und kannst inzwischen sagen: „Das Problem mit dem Eigenen und dem Fremden habe ich in mir gelöst. Wenn ich jetzt in Korea bin, fühlt sich meine Heimat fremd an. Deutschland ist immer noch mein fremdes Land, aber hier in Bremen bin ich heimisch.“ Und das freut mich als gebürtige Bremerin natürlich ganz besonders! Was Du von Bremen aus in die Welt gegeben hast, hat – Du wirst nicht müde, das zu betonen – in starkem Maß Förderung durch die bremische Kulturpolitik erfahren, die Dein Wirken 2011 mit der Bremischen Medaille für Kunst und Wissenschaft honorierte. Schon damals hieß es, Younghi Pagh-Paan sei „eine politisch und sozial engagierte Künstlerin, deren Einsatz für Frieden, menschliche Würde, wechselseitigen Respekt der Kulturen und soziale Gerechtigkeit sich aus einem tief empfundenen humanistischen Verantwortungsbewusstsein speist.“ Bessere Worte kann ich - sieben Jahre später – nicht finden, aber ich möchte darauf hinweisen, dass wir gerade in diesen Zeiten den Einsatz für den Frieden, die Achtung der menschlichen Würde, den wechselseitigen Respekt der Kulturen und den Einsatz für soziale Gerechtigkeit mehr denn je brauchen.

Zum Schluss meiner Rede greife ich noch einmal auf den Begriff „Respekt“ zurück, den wechselseitigen Respekt der Kulturen, den Younghi Pagh-Paan einfordert – wie auch den Respekt gegenüber dem einzelnen Menschen. Die Fachgruppe E-Musik des Deutschen Komponistenverbandes erweist Dir mit der Verleihung der FEM-Nadel ihren Respekt, und auch ich versichere Dir meinen großen Respekt vor Deiner Person und Deiner Arbeit, die – und darin bin ich mir ganz sicher – noch lange Zeit Früchte tragen wird.