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h1>Flammenzeichen

für Frauenstimme allein mit Schlaginstrumenten (1983)

In Erinnerung an den 22.2.1943, den Hinrichtungstag der "Weiße Rose"


Auftragskomposition der Musikfrauen e.V. Berlin
Uraufführung: 15.6.1983, Berlin, im Rahmen der Veranstaltungsreihe "1933/1983 - Zerstörung der Demokratie, Machtübergabe und Widerstand"


Zur Entstehung von "Flammenzeichen"


Im Winter 1982 fragte mich Barbara Kaiser, die die Konzerte der "Musikfrauen Berlin" organisiert und dirigiert, ob ich bereit wäre, für eine Veranstaltung zur Thematik "1933/1983 - Zerstörung der Demokratie, Machtübergabe und Widerstand" eine Komposition beizutragen. Mein Zögern währte ziemlich lange. Diese Thematik war so überwältigend, dass es mir äußerst schwierig erschien, hierzu Kunstmusik zu schreiben. Als erstes fing ich an, viele Bücher über jene Zeit in Deutschland zu lesen, und ich muss sagen, dass mir dabei ein ganz anderes Deutschland entgegentrat. Über den antifaschistischen Widerstand hatte ich wenig gewusst.

Ich entschloss mich, Flugblätter der "Weißen Rose" als Textgrundlage zu verwenden. Studenten, junge Leute hatten den Widerstand ohne Hilfe von innen oder außen gewagt. In ihren letzten Flugblättern hatten sie aus einem nationalsozialistischen Kampflied die Zeile "Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen" selbst verwendet, um dieses Volk aus der Verblendung zur Umkehr aufzurufen. - Durch den Titel "Flammenzeichen" habe ich als flammendes Zeichen die "Weiße Rose" der damaligen Situation entgegengehalten.

Mit den Fragmenten aus jenen Flugblättern, in welchen "Bitte vervielfältigen und weitergeben" jedes Mal am Ende steht, habe ich Zitate aus den letzten Briefen von Widerstandskämpfern und aus den biblischen Büchern Kohelet und Bergpredigt konfrontiert.

Ich glaube, es ist nicht nötig, über die Musik selbst viel zu sagen. Ich habe nur eine Frauenstimme verwendet, die sich selbst mit wenigen Schlaginstrumenten begleitet, etwa in der Tradition des koreanischen P'ansori. Im Sinne dieser epischen Gesangstradition - einerseits Ausdrucksgesang, andererseits Rezitation - ist die Aussage der Texte artikuliert und verstärkt. So wird die kleine Trommel, Inbegriff von Militärmusik, hier in ein Symbol des Widerstands umgekehrt.

Die bestürzende geschichtliche Tatsache eines Widerstands gegen allmächtige staatliche Organe gibt es bis heute, indem junge Menschen in vielen Ländern unter vergleichbaren politischen Verhältnissen gegen faschistische Diktaturen allein ihren Opfermut einzusetzen haben. Inge Scholl, eine Schwester von Sophie und Hans Scholl, schreibt in ihrem Bericht über die "Weiße Rose":

"Einige wenige Studenten nahmen es auf sich, unter der Allgegenwart der Diktatur zu agieren (...): Sie gaben sich damit zufrieden, Risse zu erzeugen, statt Ecksteine herauszusprengen. Mehr konnten und wollten sie nicht, und sie waren bereit, mit allem zu bezahlen, was sie hatten und waren."

Younghi Pagh-Paan (Mai 1983)


Die Texte bzw. Textfragmente


... und siehe, da waren Tränen derer, so Unrecht litten und hatten keinen Tröster; und die ihnen Unrecht taten, waren so mächtig, dass sie keinen Tröster haben konnten. (1) aus: Kohelet (Prediger) 4,1

Wir bitten, diese Schrift mit möglichst vielen Durchschlägen abzuschreiben 
und weiterzuverteilen. (1)

Einer muss ja doch mal schließlich damit anfangen. Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen. (2)

Wer hat die Toten gezählt. (1)

Bitte vervielfältigen und weitergeben! (1)

Verzeih', liebste Mutter, ... ich habe oft darüber nachgedacht, ... aber ich komme nur zu dem einen Schluss "ich konnte nicht anders" ... (3)

... Weint nicht um mich ... (4)

Bitte vervielfältigen und weitergeben! (1)

Wir müssen das Böse dort angreifen, wo es am mächtigsten ist. (1)

Wer hat die Toten gezählt. (1)

Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen; die Weiße Rose lässt Euch keine Ruhe! (1)

Unterstützt die Widerstandsbewegung, verbreitet die Flugblätter! (1)

Eingeschobene Texte:

Sieh, wie die Ausgebeuteten weinen, und niemand tröstet sie. Niemand befreit sie aus der Gewalt ihrer mächtigen Ausbeuter. Kohelet 4,1

Wohl denen, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit: denn sie werden satt werden. Matth. 6

Wohl denen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden: denn ihnen gehört das Himmelreich. Matth. 5,10

Ihr seid das Salz der Erde. Matth. 5,13

Ihr seid das Licht der Welt. Matth. 5,14

Quellen:

(1) Flugblätter der Weißen Rose. In: Inge Scholl, Die Weiße Rose, Frankfurt/M. 1977
(2) Sophie Scholl vor dem Volksgerichtshof in München am 22.2.1943. In: Richard Hanser, 
Deutschland zuliebe, München 1982
(3) Letzter Brief von Franz Mittendorfer. In: P. Malvezzi / G. Pirelli (Hrsg.), Und die Flamme soll 
Euch nicht versengen, Zürich 1955
(4) Letzter Brief von Professor Kurt Huber. In: Günter Weisenborn, Der lautlose Aufstand, 
Frankfurt/M. 1974



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