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Mich dürstet

Für Klavier

Den Titel dieses Stücks habe ich den Worten Jesu entnommen, aus dem Johannes Evangelium 19,28 des Neuen Testaments.

Seit vier Jahren komponiere ich über das Thema „Sieben Worte am Kreuz“, mit anderen Worten, über die letzten Worte Jesu. Zwei Stücke hierzu sind bereits beendet: 2006 der a capella Chorgesang „Vide Domini, vide affictionem nostram“; und 2007 „In luce ambulemus“ für Tenor und Orchester. Die Texte dieser beiden Stücke basieren auf zwei Quellen: zum einen den "Sieben Worten am Kreuz" des Jesus Christus, und zum anderen Auszügen aus Briefen des koreanischen Priesters Yangeop Choi (1821-1861), des zweiten katholischen Priesters in Korea.

Mit den Worten [mich dürstet] teilt Jesus uns mit, dass er nicht nur körperlichen [Durst], sondern auch seelischen [Durst] empfindet. Das ist eine Lehre für uns.

Als ich im Auftrag der Pianistin Gaya Han über Ideen für dieses Werk nachdachte, kam mir der Klang der Insel Jeju in den Sinn, die auch der Heimatort ihrer Eltern ist. Und wenn ich an Jeju denke, denke ich auch an die Tragödie, die sich dort ereignet hat.

1948 setzten sich die Bewohner Jejus zur Wehr gegen die durch Soul eingesetzte rechtsgerichtete Lokalregierung. Die südkoreanische Armee und die Polizei verfolgten eine brutale Strategie der „verbrannten Erde“, um den Aufstand niederzuschlagen; 400 Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, und zehntausende der Inselbewohner verloren ihr Leben. Die südkoreanische Regierung breitete noch bis 1999 einen Mantel des Schweigens über das Blutvergießen.

In dem kraftvollen Gesang der Fischer von Jeju, den sie anstimmen, wenn sie mit Schiffen ins Meer stechen, um Fische zu fangen, sind viele Tränen verborgen.

Tränen der unendlichen Trauer, die sie in ihren Herzen verbergen.

Viele Seelen, die [Mich dürstet] rufen, und damit ihren Durst nach der Wahrheit heraus schreien.

Aber ich habe dieses Stück nicht komponiert, um das Leid der unzähligen Seelen auszudrücken, die [mich dürstet] rufen.

Ich wollte vielmehr mit meiner Musik zum Ausdruck bringen, dass der ungebrochene Geist ihrer Vorfahren in den nachfolgenden Generationen auf Jeju weiter lebt.

Ich weiß nicht, wann wir den Schrei [mich dürstet] aus dem Totenreich hören werden. Wann wir unsere Ohren dafür öffnen werden.

„Hier ist die Wahrheit. Bitte sieh her, hier liegen sie. Unsere Großmütter und Großväter …“

Younghi Pagh-Paan, 2008

 



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