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‚Das Universum atmet, es wächst und schwindet …'

Wenn ich mich als koreanische Komponistin in unserer Zeit auf Laotse’s Tao-Te-King als Grundlage meiner Musik beziehe, so ist das nicht zum ersten Mal. Dieses Einsinken in eine offene Leere durchzieht viele meiner Stücke. Aber, wenn ich jetzt eine Tür öffne auf ein Orchester von koreanischen Instrumenten ist das für mich die Herausforderung, in eine ‚offene Leere‘ einzutreten!

In Korea und in Europa habe ich unablässig gelernt, gelehrt und weiter gelernt, wurde präsenter und dichter. Alles gelernte muss, müsste sich in die Leere hin öffnen.

Die koreanische Instrumentalmusik war aber immer Ensemblemusik und die orchestrale Vervielfachung der Instrumente ist eine Erscheinung der Neuzeit.  Eine Fülle, die zu Wasser zu etwas offen fließenden werden müsste, um den Tao näher zu kommen.

Ausatmen und einatmen: Präsenz und Resonanz, sind aber Grundlage aller Musik, nicht etwa nur der gesungenen und geblasenen: Jeder Ton erklingt und resoniert und jeder Ton klingt aus, schwindet. – Das habe ich ganz ernst bejaht: keine einzige Tonproduktion unterbreche ich, dämpfe ich ab – breche ich ab.

Darin bleibe ich unserer Tradition treu.

Und wenn die Selbstentleerung – übrigens nicht nur im Taoismus, sondern bei allen Mystikern weltweit – bedeutet, dass eine ganz andere, eine tiefste Fülle im Menschen (Herzen) Raum gewinnt, so bedeutet Einatmen Wachsen und Ausatmen Schwinden.  … Im Leer werden, in der Demut wächst innere Tiefe. Aber Tiefe und Höhe ist Eins (Meister Eckart, ca. 1260-1327).

Ich musikalisiere das Vertikal, als offenen Klangraum, ausgespannt zwischen höchsten (Himmel) und tiefsten Tönen(Erde) von Anfang an. Dieser Klangraum wird nicht ausgefüllt. Erst allmählich erklingt in dieser Mitte eine bewegte fließende Horizontalität. Die Instrumente singen wie menschliche Stimmen.

Die koreanischen Instrumente beschränken sich im Allgemeinen auf den Tonumfang von Frau oder von Mann, ganz im Gegensatz zu europäisch-westlichen Instrumenten, die seit Jahrhundert dahin tendieren, möglichst große Umfänge zu beherrschen, Allen voran: der Konzertflügel, Der von äußerster Tiefe bis äußerster Höhe alle Töne „besitzt“, den Klangraum total auszufüllen vermag. Bei uns(Korea): fließende Stimmen, die viel Raum offen lassen.

Das Klingende ist ein Lobpreis allen Lebens. Jeder Ton schwingt in sich. Und das Verklingende führt in akustische Leere, also in die Stille. Die tief erfüllt sein kann, je tiefer unser Ohr in sie hinein öffnet. Offenes Hören.

Younghi Pagh-Paan, Panicale/Italien, 6. September 2007

 



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