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In luce ambulemus / Im Lichte wollen wir wandeln

Siehe Fernsehbeitrag Bayerischer Rundfunk mit Ausschnitten und Interview


Ein Jahr nach ihrem Musiktheaterstück Mondschatten hat Younghi Pagh-Paan mit In luce ambulemus ("Im Lichte wollen wir wandeln") ein Stück geschrieben, das zwar einen ganz anderen Stoff als das Bühnenwerk verarbeitet, im Sujet aber doch strukturelle Ähnlichkeiten mit ihm aufweist. Beide Werke kreisen um den Gedanken einer lebenslangen Wanderschaft als Suche nach dem Lebensziel. In Mondschatten erreicht der alte Ödipus nach Jahren der Umherirrens auf Kolonos den Ort, wo er sich zum Sterben niederlegt. 

Im konzertanten Werk In luce ambulemus ist die Wanderschaft das Symbol für eine innere Suche, die ihr Ziel im Erreichen der Demut vor Gott findet. Die Komponistin stützt sich dabei auf die in lateinischer Sprache verfassten Briefe des koreanischen Priesters Yang-Eop Choe (1821-1861), die sie 2005 in koreanischer Übersetzung kennengelernt hatte. Als ein in seiner Heimat verfolgter Christ verbrachte Choe einen großen Teil seines Lebens auf der Wanderschaft quer durch ganz China; erst die letzten zwölf Jahre lebte er wieder in Korea, wo er sein Priesteramt unter schwierigsten Umständen ausübte. Die Textauswahl, die Ausschnitte aus Briefen von Choe mit Sätzen aus der Bibel und der katholischen Liturgie kombiniert, definiert Glauben als existenzielle Erfahrung. In der Idee der Selbstpreisgabe des Ichs, des Geschehenlassens und der mystischen Vereinung mit dem Absoluten erscheinen die christlichen Glaubensinhalte der Demut und Gnade taoistisch eingefärbt.

Die Partitur lässt eine Musik erkennen, die durch ein gespanntes Gleichgewicht zwischen Festigkeit der Form und stetigem Wandel des Klangs geprägt ist. Die Harmonik basiert wie auch in andern Werken der Komponistin auf statischen, über den Tonraum weit ausgebreiteten "Mutterakkorden", innerhalb deren sich das dicht gearbeitete heterophone Liniengeflecht als bewegter Energiestrom ergießt. Die zeitlichen Proportionen der Großform ergeben sich aus der Textdeklamation in der Singstimme, deren Intensität durch insistierende Wiederholung einzelner Textelemente verstärkt wird. In ihrem intervallischen Duktus und den mikrotonalen Tonschwankungen verweist sie auf die koreanische Vokalpraxis, wie überhaupt der ganze Ausdruckcharakter mehr in der fernöstlichen als in der europäischen Musiktradition zu wurzeln scheint. 

Der Konzentration nach innen, wie sie im Text zum Ausdruck kommt, entspricht ein reduzierter Orchesterapparat. Die Holzbläser sind nur zweifach, die Oboe sogar einfach besetzt, das Blech besteht einzig aus einer Posaune. Das Schlagzeug ist auf einen Spieler beschränkt, verfügt allerdings mit Glockenspiel und Zimbeln auch über auffallend helle Klangfarben. Sie treten mehrfach prominent hervor und unterstreichen subtil den rituellen Charakter der an innerer Dramatik reichen Musik.

Max Nyffeler



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