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BI - YU

für Sopran, Bassflöte, Klarinette und Violoncello (1999)


Goethe als koreanischer Lyriker?

Als dreizehnjähriges Mädchen entdeckte ich in einer Lyrikzeitschrift Übertragungen einiger Gedichte von Heine, Goethe und Rilke, die mich augenblicklich faszinierten. Goethes Gedicht Ein Gleiches hatte es mir so angetan, dass ich es unmittelbar auswendig wusste und wie ein buddhistisches Gebet unablässig aufsagte. Zwischen koreanischen oder chinesischen Gedichten und jenem Goethes empfand ich keinerlei Unterschied. Die in ihm ausgedrückten Empfindungen, die Bilder, die strenge Form sind uns sehr nahe. (...)

Über die Komposition fremder Sprachen - Rose Ausländer (deutsch), Anna Achmatova (russisch), Louize Labé (französisch) - habe ich versucht, mein Verhältnis zum gesungenen Wort zu erweitern, indem ich das Fremde zum Eigenen machte. Jetzt gehe ich den umgekehrten Weg, für den ich mich auf meine Auseinandersetzung mit koreanischer Lyrik beziehe: Chi-Ha und Chung-Chul (16. Jh.). Ich versuche, das Fremde aus dem Eigenen wieder nach Europa zurückzubringen... Für deutsche Hörer stellt sich die Frage, ob das eigene Erbe in einer fremden Sprache überhaupt noch wahrnehmbar ist. Kann man Musik über den Gehalt neu erfahren? (...)

Die klassische chinesische Dichtung wie die große koreanische Lyrik werden seit alters her in der Stille eines abgeschiedenen Raumes nicht stumm gelesen, sondern auf einem bestimmten Rezitationston gesungen, dessen Charakteristikum lang gedehnte, melismatische Vokale sind (GAGOK). Goethe beschwört in seinem Gedicht die Stille, das Verstummen, das Schweigen des kosmischen Raumes und verbindet so das Außen mit dem Innen, indem er an die Kürze der menschlichen Lebensspanne erinnert. In meiner Komposition "BI - YU" versuche ich, mich dieser Thematik zu nähern. "BI - YU" bedeutet: gleichzeitige Betrachtung von Verschiedenem im Vergleich.

Younghi Pagh-Paan



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