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sowon...borira

für Mezzosopran und Orchester (1998)
nach Texten von Anna Achmatowa, Rose Ausländer und Louize Labé


In unseren fernöstlichen Kulturen hat die Singstimme seit jeher Heimatrecht in allen jenen Formen von Dichtung, die das Hinnehmen des Schicksals besingen, episch in PANSORI, lyrisch in GAGOK.
Demgegenüber ist die lyrische Dichtung Europas seit dem klassischen Altertum auf ein existentielles Ich bezogen, das mit dem eigenen Schicksal umgeht, um zu sich selbst zu finden.

"Mein Herz" ist in meiner Musik Metapher der Seele, die im Kreislauf von Geburt, Liebe, Trauer, Tod das Überlebende beschwört. Anna Achmatowa: "Es überlebt: das königliche Wort." Rose Ausländer: "Die Erde gibt mir ein geheimes Zeichen und sagt ade – ich antworte: auf Wiedersehen." Louize Labé: "Ainsi Amour inconstamment me meine."

Mein Wunsch: die Fremdheit in der fremden Sprache zu überwinden. Die Musik: ein nie ganz Fassbares, nicht Festzuhaltendes – immer ein Wandelbares, Fließendes, wie "ne ma-um", "Mein Herz". Jede lyrische Sprache ist mir Laut der Seele, aus lautlosem Klang geboren. Jede Zeile breitet einen Fächer von Möglichkeiten aus. Darin spiegelt sich ein Unvergängliches: der Wunsch, zu überwinden.
Das Fließende aufnehmen bedeutet nach Lao-Tse Stärke. – Liebe als das Einzige, welches die begrenzte Existenz zu verwandeln, in andere Formen, Gestalten zu gießen vermag. – Fließendes als Bleibendes. So bleibt auch die Trauer; aus ihr entspringt die Kraft des neuen Frühlings. Denn nur restlose Hingabe kann die Welt verändern. Wenn das Saatkorn nicht stürbe, gäbe es weder Reis noch Brot.


Zum Titel: sowon...borira: Die Fähigkeit des Wünschens wird heute immer mehr durch das zielstrebige In-Besitz-Bringen des gewünschten Gegenstandes lahmgelegt.
Der unerfüllte Wunsch (sowon) hingegen öffnet das Bewusstsein für die Dimension des Möglichen, des Noch-Nicht.
Mit "borira" (in der koreanischen Sprache die "Wunschform": "Ich hätte gerne, ich möchte...") möchte ich an die Notwendigkeit unerfüllter, vielleicht sogar unerfüllbarer Wünsche erinnern.
Der eine, bleibende Wunsch: einen inneren Raum schaffen, der sich gegen äußere wie innere Bedrängnis behauptet.

Dieses Werk basiert auf meiner Komposition SOWON / Wunsch für Frauenstimme und zehn Instrumente, das bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik 1996 uraufgeführt wurde.

Younghi Pagh-Paan


Besetzung:
2 Fl (2. auch Picc.). 2 Ob (2. auch EH). 2 Kl in A und B (2. auch Bkl.). 2 Fg (2. auch Kfg.). / 2 Hr. 1 Trp ( in C und B). 2 Ps (Tenor-Baßposaune). / Pk. Schlzg (2 Spieler). Hfe. / Streicher




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