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SOWON / Wunsch

für Mezzosopran und Ensemble (1995/96)

auf Texte von Anna Achmatowa und Rose Ausländer

In unseren fernöstlichen Kulturen hat die Singstimme seit jeher Heimatrecht in allen jenen Formen von Dichtung, die das Hinnehmen des Schicksals besingen, episch in PANSORI, lyrisch in GAGOK. Demgegenüber ist die lyrische Dichtung Europas seit dem klassischen Altertum auf ein existentielles Ich bezogen, das mit dem eigenen Schicksal umgeht, um sich selbst zu werden.

"Mein Herz" ist in meiner Musik Metapher der Seele, die im Kreislauf von Geburt, Liebe, Trauer, Tod das Überlebende beschwört. Anna Achmatowa: "Es überlebt: das königliche Wort". Rose Ausländer: "Die Erde gibt mir ein geheimes Zeichen und sagt ade - ich antworte - auf Wiedersehen".

Mein Wunsch: die Fremdheit in der fremden Sprache überwinden.

Die Musik: ein nie ganz Fassbares, nicht Festzuhaltendes - immer ein Wandelbares, Fließendes, wie ne ma-um, "mein Herz".

Jede lyrische Sprache ist mir Laut der Seele, aus lautlosem Klang geboren. Jede Zeile breitet einen Fächer von Möglichkeiten aus. Darin spiegelt sich ein Unvergängliches: der Wunsch zu überwinden.

Lao-Tse: Das Fließende aufnehmen bedeutet Stärke. - Liebe als das Einzige, welche die begrenzte Existenz zu verwandeln, in andere Formen, Gestalten zu gießen vermag. - Fließendes als Bleibendes. So bleibt auch die Trauer; aus ihr entspringt die Kraft des neuen Frühlings. Denn nur restlose Hingabe kann Welt verändern. Wenn das Saatkorn nicht stürbe, gäbe es weder Reis noch Brot.

Der eine, bleibende Wunsch: einen inneren Raum schaffen, der sich gegen äußere wie innere Bedrängnis behauptet.

Younghi Pagh-Paan (1996)


Einführung von Birgit Gotzes *

Younghi Pagh-Paans neues Stück für Frauenstimme und kleines Ensemble geht auf lange Vorarbeiten zurück. Schon seit einer Reihe von Jahren beschäftigt sich koreanische Komponistin lyrischen Texten verschiedenster Epochen und Sprachen. Es sind nicht ausschließlich Texte von Frauen, doch stehen solche dabei im Vordergrund. Die meisten kreisen um ein lyrisches Ich und seine Liebe, oft ist die Beziehung zum Anderen mit aufgerufen. Manches, wie das eigentlich titelgebende Gedicht von Dorothee Sölle, "Genauer wünschen lernen", oder ein Text der koreanischen Dichterin Hwang Chin-I, fand vorerst keine Verwendung. Den Text von H.C. Artmann hingegen, "mein herz", hat Pagh-Paan schon in einem Stück für Mezzosopran und Bariton vertont. Besonders intensiv war schon immer die Auseinandersetzung mit Anna Achmatova, noch neuen Datums ist die mit Louize Labé. Die ersten drei der vier Gedichte von Rose Ausländer wurden unter dem Titel "Noch..." (in memoriam Isang Yun) im Januar 1996 in Hannover uraufgeführt.

Die Thematik von SOWON / Wunsch kreist um die Selbstbestimmung, Selbstfindung, Selbstbeschreibung eines (liebenden) Ichs, das sich selbst ein Rätsel bleibt, um Liebe und Sehnsucht, Qual und Traum, Utopie, Erfüllung und Tod, dies alles in einer eher feindlichen gestimmten Welt. Auswahl und Reihung der Texte folgen einer genau ausgearbeiteten Dramaturgie. Auch musikalisch ergibt sich eine klare Gliederung: zwei Gedichte von Achmatova als Anfang und Schluß, "Motto" und Nachwort rahmen das Stück; sie sind für das gesamte Ensemble und Stimme geschrieben. Die gleiche Besetzung haben auch die um die Liebe kreisenden Teile 3 (Labé) und 5 (Achmatova, "Cinque I"). Die Momente der Selbstvergewisserung und Selbstbeschreibung in Teil 2 und 4 (Ausländer, Artmann), nehmen dagegen eine Sonderstellung ein.

SOWON beginnt mit einem Vierzeiler von Achmatova ("Gold rostet...") für Frauenstimme und Ensemble. Dieses Gedicht gibt den Ton an, ist eine Art Motto: der Vergänglichkeit alles Irdischen, umschrieben im Zerfall von als besonders beständig geltenden Materialen, steht die Wendung auf eine Hoffnung gegenüber: die auf das Überleben des Wortes (wie auch der Musik), mithin des Zeugnis-Ablegens und auch: des Zeugnis ablegenden Kunstwerks. Doch wird diese Hoffnung auch bereits zurückgenommen: für die Stimme vertont sind nur die ersten beiden Zeilen, nur im Ensemble ist die Gewissheit auf das Überleben des "königlichen Wortes" nachzuhören.

Nach diesem programmatischen Einstieg wird die Musik in die ganz intime Atmosphäre eines Ichs zurückgenommen, das sich seiner Stellung in der Welt zu vergewissern versucht. Im ersten der vier Gedichte von Rose Ausländer, "Wandelbar", löscht sich das die Frauenstimme begleitende Ensemble langsam aus, übrig bleibt nur eine Viola - ein zögerndes Zu-Sich-Kommen beginnt. Nach einem kurzen Einschub mit einer Wiederholung des Anfangs (Achmatova) ist im vierten Gedicht dann wieder ein kleines Ensemble zu hören. Das Ich hat seinen Standpunkt gefunden: nicht den Abschied, den die Erde entbietet, nimmt es an, die Antwort lautet "auf Wiedersehen", dem geheimen Zeichen der Erde wird Hoffnung entgegengesetzt.

Von dieser Selbstvergewisserung aus geht es in den dritten Teil, dem das achte aus einem Zyklus von insgesamt vierundzwanzig Sonetten der französischen Renaissance-Lyrikerin Louize Labé zu Grunde liegt, vertont für Frauenstimme und das gesamte Ensemble. In SOWON steht das 8. Sonett allein, der gesamte Kontext, so die typisch petrarkistische Lust an dieser Liebesqual, die sich in anderen Sonetten des Zyklus findet, ist ausgeschaltet. Hier geht es allein um die Beschreibung einer Liebenden in ihrem Hin- und Hergerissensein zwischen Hoffnung und Ungewissheit, dem ständigen Widerstreit der Gefühle, den Amor zu verantworten hat, der Gott, dem es gefällt, die Liebenden zu quälen.

Im vierten Abschnitt steht das Ensemble im Vordergrund. Das als Basis dienende Gedicht von H.C. Artmann, "mein herz", ist verstanden als die Selbstbeschreibung eines lyrischen Ichs, das versucht, die Rätselhaftigkeit seines Herzens in Worte zu fassen, dabei aber wieder nur Rätsel produziert. Kostbare Stoffe, junge Vögel, Wasser, Gedanke, Frage, Tierkreis: das Ich kommt seinem Herzen nur annäherungsweise auf die Spur. In diesem Sinne rufen nur wenige Einwürfe der Sängerin, noch dazu ins Koreanische verfremdet, Artmanns Worte auf. Die Rätselhaftigkeit des Textes findet sich so in der Verrätselung der Musikalisierung wieder. Keine Antwort, doch am Schluss musikalisch die Stimmung der letzten Gedichtzeile: das fröhlich schlagende Herz "im losen regnen der mittwintersterne".

Von hier geht es zu einem Gedicht von Achmatova, in dem das geliebte Gegenüber angesprochen ist und das im Rückblick den glücklichen, fast utopischen Moment erfüllter, wenn auch schon wieder verlorener Liebe schildert. Und wenn verloren: so doch der Liebenden Neues, Türen eröffnend, die sich nicht wieder schließen lassen. Die Besetzung dieses Teils mit Frauenstimme und ganzem Ensemble ruft zugleich das Achmatova-Motto des ersten Teils und die Liebesqual des Labé-Gedichtes wieder auf, jetzt aber verändert durch den neuen Gestus, den die Liebeserfüllung einbringt.

In einem letzten Vierzeiler von Achmatova "Statt eines Nachworts" schließt sich der Kreis. Abschließend wird noch einmal die Kraft der Liebe beschworen, die ein Traum der Liebenden war, nur einer, aber er hat "die Kraft des Frühjahrs, die das Eis zerbricht". So endet SOWON zwar auf dem dysphorisch stimmenden Ende der Liebe, beschwört aber euphorisch ihre Kraft, Kälte zu brechen, Türen aufzustoßen, Neues zu schaffen und bekräftig von daher das "Motto" des ersten Achmatova-Vierzeilers ebenso wie den Titel des Stückes SOWON / Wunsch.

UA: Witten, Wittener Tage für Neue Kammermusik, 28.4.1996
© Birgit Gotzes



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