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TSI-SHIN-KUT

für vier Schlagzeuger und Computerklänge (1993/1994)


Realisation des Studios für Elektronische Musik des WDR

In memoriam Hans Oesch



Mit TSI-SHIN-KUT (Erd-Geist-Ritual) knüpfe ich an die Traditionen von koreanischer Bauernmusik an (Nong-Ak) an, die mir aus meiner Kindheit gegenwärtig sind. Es handelt sich um ein uraltes schamanistisches Ritual, das bei uns noch lebendig ist: Jedes Jahr im Januar ziehen kleine Gruppen von vier bis fünf Musikern durch die Dörfer von Haus zu Haus, um den Segen für Haus und Familie zu erbitten. Durch diese rituelle Musik soll der Erdgeist günstig gestimmt, besänftigt werden, so dass alles Leben in Haus und Hof gedeihen kann. 

Das chinesische Zeichen Mu ist das zentrale Ideogramm des Schamanismus. Es zeigt Himmel, Erde und ein (tanzendes) Menschenpaar. Mensch, Erde und Himmel werden in ihm als ein Ganzes gesehen, wobei der Mensch als Bindeglied der Schöpfung erscheint. Das tanzende Paar weist auf den Ursprung aller Rituale hin, die den Himmel beschwören, der Erde gnädig zu sein. Im Mu-Kult stammt die menschliche Seele nicht aus dem Himmel - so wie im christlichen Glauben - sondern aus der Erde, und dorthin kehrt sie nach dem Tod auch wieder zurück. So ist für uns die Erde das beseelte, das versöhnende Element; in ihr kommt die Seele zur Ruhe. 

Dieses Ritual - eine Schamanenzeremonie (KUT) - habe ich für vier Schlagzeuger komponiert, die durch elektronische Klänge ergänzt werden. Heutzutage nehmen neueste Technologien (Computer, Synthesizer etc.) immer mehr Raum im kompositorischen Denken ein. Ich habe es vorgezogen, mit relativ einfachen und fassbaren Mitteln zu arbeiten. Klangquellen sind verschiedene Schlagzeuge und einige Töne der Kontrabassflöte, die unterschiedlich bearbeitet wurden. (Schlagzeuger: Isao Nakamura, Flötistin: Carin Levine). 

Eines meiner Anliegen war in gewissem Sinne die Beschwörung jenes allgegenwärtigen "Computer-Geistes", der bereits bis in die Kinderzimmer vorgedrungen ist. Durch meine Arbeit möchte ich dazu anregen, unsere "Wegwerfgesellschaft" kritisch zu überdenken. Ich wende mich gegen den Trend, alles nach oberflächlichem Gebrauch wegzuwerfen, um sich noch perfektere, bequemere Geräte zu kaufen; mir liegt an einer Gleichbehandlung einfacher, uralter Schlaginstrumente mit den Klangprodukten eben solcher elektronischer Geräte, die nicht mehr zu den neuesten Modellen gehören. Und so möchte ich – anstatt in untertäniger Abhängigkeit zu ihnen zu geraten – die neuen Technologien als "Musikinstrumente" verstehen und mit einbeziehen.

Younghi Pagh-Paan (1994)

Literatur

Kang, Unsu
Untersuchungen der Behandlung des Schlagwerks in den Kompositionen von Younghi Pagh-Paan [TSI-SHIN-KUT pp.55-90]
Dissertation : Bremen, Universität Bremen, 2007



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