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BIDAN-SIL / Seidener Faden

für Oboe solo und neun Instrumente (1992/93)


Oboe solo; Altfl. (Baßfl.), Ob. d'am., Kl., Fg., Vl., Vla., Vc., Kb., Schlzg. (1 Spieler)
Uraufführung: Wien, 26.1.1994


BIDAN-SIL ist koreanisch und bedeutet seidener Faden, Seidengarn oder Seidenfäden.

Jedes Melodieinstrument, wenn es die feinsten Regungen von Musik ausdrücken möchte, muss in gewissem Sinne einen seidenen Ton finden. Als ich Heinz Holliger zum ersten Mal hörte, rief sein Spiel unsere traditionelle Symbolik in mir wach. Ein einzelner Ton, wenn er Vollkommenheit anstrebt, ist aus unendlich vielen Komponenten gesponnen.

Die Musik von BIDAN-SIL hat gewisse Bezüge zur frühesten "eigenen" Musik der Koreaner, die auf der Schamanentradition beruht. Während die Gebildeten alle Arten von Hofmusik pflegten, musizierte das Volk viel freier. Diese im wesentlichen frei improvisierte, ungemein dicht gezwirnte Musik, SINAWI genannt, spielten die Musiker zur eigenen Freude. Die Einzelfäden der verschiedenen, immer solistisch besetzten Instrumente spinnen das Seidengarn einer sehr dichten Heterophonie, deren Dissonanzen die eigentliche Schönheit hervorrufen. Jeder einzelne Musiker ist dafür mitverantwortlich, dass die Musik ihre Lebendigkeit gewinnt.

Zum SINAWI-Spiel gehören meistens folgende Instrumente: die Sanduhr-Trommel CHANG-GO, auf den Grundton eingestimmt, gibt für jeden Musikteil Tempo, Metrum und Grundrhythmus. Drei Saiteninstrumente - die Saiten sind aus Seide gezwirnt - KAYAGUM, A-JAENG und KOMUNGO stehen der Trommel nahe. Sie werden mit dem Finger gezupft (KAYAGUM), mit einem grün geschnittenen, geschälten und mit Kolophonium eingeriebenen Forsythienzweig gestrichen (A-JAENG) oder mit einem Holzstab angerissen und angeschlagen (KOMUNGO). Das vierte Saiteninstrument HAEGUM, mit dem Bogen aus Pferdehaaren gestrichen, zählt bei uns zu den Atem-Instrumenten (wind instruments) und kommt mit seinem seidenen Ton der Frauenstimme am nächsten. Das HAEGUM bildet ein melodisches Trio mit PIRI (Oboeninstrument) und TAEGUM (Querflöte), was mit der Trommel die ursprüngliche Besetzung beim SINAWI-Spiel war.

In BIDAN-SIL ist die Solo-Oboe das umfassende Melodieinstrument, das für mich PIRI und HAEGUM in eines fasst. Die anderen Blasinstrumente, jedes solistisch wie in der SINAWI-Tradition, bilden heterophone Paare mit den Streichern.

Dass ich die Musik auskomponierte, von Anfang bis Ende vollständig niederschreibe, zeigt bereits deutlich meinen Abstand zu unserer Tradition. Es geht mir keineswegs um restaurative Wiederbelebung. Ich halte sie als Komponistin weder für möglich noch für sinnvoll. Indem ich mich von SINAWI entferne, gewinne ich aus diesem Fluchtpunkt lebendige Perspektiven. Auch wir Koreaner leben am Ende des 20. Jahrhunderts...

Younghi Pagh-Paan (1994)



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