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MAN-NAM I

für Klarinette, Violine, Viola und Violoncello (1977)



Meiner Mutter zum 70. Geburtstag gewidmet

Erst um die letzte Jahrhundertwende wurde das koreanische Volk mit europäischer Musik konfrontiert, und zwar durch einen deutschen Kapellmeister. Es handelte sich dabei vorwiegend um Militärmusik.
Seither stehen wir - auch in unserer Ausbildung - in einem fortlaufenden Konflikt zwischen unserer traditionellen asiatischen Musikkultur und der europäisch-amerikanischen, die im Laufe der Zeit mehr und mehr an Übergewicht gewonnen hat.

In meinem Stück MAN-NAM I habe ich versucht, die Begegnung der beiden Kulturwelten zu gestalten, um den Kulturschock in mir selber zu überwinden. Dieses Stück wurde angeregt durch ein koreanisches Gedicht der Dichterin Sa-Im-Dang Sin (16. Jh.), in dem sie von ihrer Sehnsucht nach ihrer Mutter spricht. Sie hat es in chinesischer Schrift niedergeschrieben. Einige chinesische Schriftzeichen daraus habe ich als Symbole über die einzelnen Teile der Komposition gesetzt.

MAN-NAM I gliedert sich in vier Teile, von denen der dritte mit einer Violoncello-Kadenz in den letzten übergeht. Im ersten Teil versuche ich zögernd, meine Angst zu überwinden. Der zweite Teil ist eine Flucht in die schützende Einsamkeit der Berge. Im dritten Teil wird der quälende Kampf, der durch den Kulturschock in mir ausgelöst wurde, ganz nach vorne getragen. Der abschließende vierte Teil wendet sich stärker der koreanischen Tradition zu. (Das Violoncello z.B. spielt ausschließlich Pizzicati und deutet damit den Klang zweier koreanischer Trommeln an.) Die Musik gewinnt ihre eigene Mitte und ruhige Festigkeit: Versöhnung.

Younghi Pagh-Paan



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