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U-MUL

für sieben Instrumente (1991-92)



Die Komposition U-MUL (Der Brunnen) begreift die Komponistin selbst als Auftakt einer neuen Reihe von Stücken, die sich an den Ideen des Taoismus orientieren (die für ihr Denken freilich seit langem konstitutiv sind). 

Der Brunnen ist für Younghi Pagh-Paan ein Symbol eines sozialen Verständnisses, das in unserer Zeit materieller Verteilungskämpfe ebenso anachronistisch wie utopisch anmutet: ein Zentrum der Verteilung lebensspendenden Guts und zugleich alltäglicher Mittelpunkt der Kommunikation. Dass damit Politisches berührt wird, ist evident, und die Komponistin macht darauf aufmerksam, dass der Friedensforscher Galtung als eine der grundlegendsten Bedingungen von Frieden eine gerechte Verteilung von Wasser benennt: Ohne Erdöl lässt es sich zur Not leben, ohne Wasser nicht. 

Die Musik, die den Prozess des Nehmens und Weitergebens der unegoistischen Teilhabe an natürlichen Ressourcen thematisiert und in ihrer kommunikativen Faktur strukturell reflektiert (so gleich zu Beginn durch die aktive Teilhabe der Musiker an der Klangwelt des im Ensemble zentralen Schlagzeugs), wird so zu einem Medium der positiven Erinnerung, zur Besinnung auf ein archaisches Verhältnis von Natur und Mensch, das, bereits im Taoismus formuliert, ungeahnte neue Aktualität erlangt hat. 

Besinnung auf Gelassenheit: Das bedeutet zugleich Verzicht auf demonstrative Setzung musikalischer Ordnungen und auf den intellektuellen Punkt einer "new complexity"; sie ist eine Zurücknahme hin zu einer "unmerklichen Konstruktion", zu einem Fluss, der so selbstverständlich fließt wie das Wasser; auch wenn sein gelassener Gestus nichts mit laisser-faire oder Nachgiebigkeit zu tun hat, sondern mit einem langen Prozess kompositorischer Konzentration und Filterung. Wie steht es im Tao Te King: "Nichts Nachgiebigeres als Wasser / Dennoch erzwingt es das Härteste. Groß im Aufgeben / ist es groß im Erreichen. Nicht greifbar / ergreift es."

Peter Niklas Wilson



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