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TA-RYONG IV (Die Kehrseite der Postmoderne)

für Schlagzeug solo (1991)



Otto Kolleritsch, der Leiter des Grazer Instituts für Wertungsforschung, hatte mich 1991 um einen Beitrag zum Symposium "Wiederaneignung und Neubestimmung - Der Fall 'Postmoderne' in der Musik" gebeten. Anstelle eines Vortrages habe ich es vorgezogen, ein kleines Solostück zu komponieren, von dem ich hoffte, dass es vielleicht einen kleinen Denkanstoß zu geben vermag. 

Das Bewusstsein unserer Gegenwart dreht sich - auch in der Kunstmusikszene - mit beharrlicher Ausschließlichkeit um die Erste Welt, so, als ob die andere Seite gar nicht existieren würde. So etwas wie der Begriff "Postmoderne" konnte nur in den Köpfen einer satten Minderheit ausgedacht werden (die auch in der Ersten Welt eine Minderheit ist). Es entspringt im Grunde einem neokolonialistischen Verhalten, wenn der Musiker glaubt, alles, was die Welt und die Geschichte hervorgebracht haben, stehe einfach zu seiner persönlichen Verfügung, er könne sich frei bedienen. Ohne Respekt vor kulturellen Identitäten führt es erstens zu der Auffassung des "anything goes", zweitens zu einem neuen, umfassenden kulturellen Machtanspruch: "We take it over." 

Mich beschäftigt in meiner Musik - die sich zwar auf koreanischem Musikempfinden aufbaut, aber die Entwicklung der europäischen Kunstmusik unseres Jahrhunderts so wach wie möglich zu reflektieren versucht - das Problem der Wiederholung in ihrem Verhältnis zum Suchen und Auffinden immer neuer, wenn möglich frischer Veränderungen. In meinem kleinen Stück habe ich versucht, einige archaische rhythmische Elemente unserer koreanischen Volksmusik ganz nahe an mich zu nehmen. - auch schamanistische Rituale haben für uns Bedeutung -.

TA- RYONG ist einer der allgemeinsten Begriffe der koreanischen Musik. Wir nenne TA-RYONG das Wiederholen eines Grundrhythmus in immer wiederkehrendem Vierer- oder Sechsermetrum, und gerade in dieser nahezu unbegrenzten Variierungsmöglichkeit der immer gleichen Grundlage besteht die Faszination des TA-RYONG. 

Mit Respekt und Liebe habe ich versucht, diese differenzierten Wirklichkeiten in einer aufgeklärten Weise weiterzuentwickeln. Dazu waren mir einige Formen von Notationspraktiken der sogenannten Neuen Musik hilfreich, denn ich will unbedingt versuchen, die Feinheiten unserer Musiktradition durch die Aufzeichnung nicht zu verfälschen. 

Younghi Pagh-Paan (1991)

 

Literatur

Kang, Unsu
Untersuchungen der Behandlung des Schlagwerks in den Kompositionen von Younghi Pagh-Paan [TA-RYONG IV p. 43-54]
Dissertation : Bremen, Universität Bremen, 2007



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