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HWANG-TO / Gelbe Erde

für gemischten Chor, Einzelstimmen aus dem Chor und neuen Instrumentalisten (1988/89)

nach Gedichten von Kim Chi-ha

Der koreanische Dichter Kim Chi-ha verwendet das Bild von der gelben Erde – HWANG-TO – als Symbol für die Leidensgeschichte seines Volkes; gleichzeitig steht der Begriff aber auch für die Hoffnung auf Freiheit und Demokratie.

Für ihre Komposition HWANG-TO/Gelbe Erde hat Younghi Pagh-Paan drei der zumeist im Gefängnis oder auf der Flucht entstandenen Gedichte Kim Chi-ha’s ausgewählt: „Die Ebene“, in der die Zerstörung der Erde thematisiert ist; „Erde“ steht hier als Metapher für menschliche Gemeinschaft und gemeinsames Erleben. „Der Weg nach Seoul“ beschreibt das Schicksal eines Bauern, der durch Landflucht seine Seele verkauft und damit den Kern seines Seins aufgibt. Im dritten Gedicht – „In einer regnerischen Nacht“ – wird die furchtbare Konsequenz der Landflucht offenbar: die aussichtslose Suche nach der Heimat. Rückkehr ist nicht mehr möglich.

In der Komposition sind die Gedichte in eben dieser Reihenfolge angeordnet. Sie lässt einen Prozess der „Zerstörung von Gemeinschaft durch Landflucht“ entstehen. Younghi Pagh-Paan vertont indessen keine „Geschichte“. Sie verwendet Zeilengruppen oder Einzelheiten, die durch Wiederholung, wechselnde Kopplung und Schichtung einen Materialcharakter gewinnen.

Der koreanisch-deutsche Titel weist auf die Zweisprachigkeit der Komposition: während der mittlere Teil („Der Weg nach Seoul“) ausschließlich koreanisch gesungen wird, sind die Texte von Anfangs- und Schlussabschnitt sowohl in der koreanischen Originalsprache wie auch in der deutschen Übertragung eingesetzt. Für die Komposition ergibt sich daraus eine Vielfalt an Lautverbindungen und damit ein großes Maß an Expressivität allein im Bereich der Phonetik.

Deutlich wird an diesem Punkt außerdem die besondere Situation der Komponistin zwischen zwei Kulturen: der asiatischen, in der sie aufgewachsen ist und der europäischen, in der sie lebt. Europäisch an Younghi Pagh-Paans Komposition ist einmal die Besetzung: der gemischte Chor und die Blas- und Streichinstrumente; europäisch ist auch die Art der schriftlichen Darstellung, die Partitur. Material und Technik der Komposition indessen sind aus der Musik der koreanischen Bauern abgeleitet. Das Zentrum der Partituranordnung bilden gemeinsam Chor und Schlagzeugspieler (darüber sind die Bläserstimmen notiert, darunter diejenigen der Streicher). Gesang und Schlagzeug in Verbindung findet man im koreanischen p’ansori, einer Art Volksballade, bei der ein Sänger mit der zweifelligen Trommel buk begleitet wird. Das Schlagzeug – in HWANG-TO/Gelbe Erde ist es ein Spieler mit 15 verschiedenen Instrumenten – führt die Musik und bestimmt die Zeiteinheiten.

Der Part des Sängers ist auf die verschiedenen Chorregister und Einzelstimmen verteilt. Improvisatorische Gesangspraktiken der koreanischen Bauernmusik sind exakt ausnotiert, also komponiert. Mehrstimmigkeit wird erreicht über die Heterophonie, die Ausweitung von Einstimmigkeit durch ihre gleichzeitig erklingenden Varianten. Das in HWANG-TO/Gelbe Erde durch Chor und Schlaginstrumente vervielfachte p’ansori-Duo wird noch um acht Instrumentalsolisten erweitert. Ihre Stimmen sind an die des Chores gekoppelt und unterstützen diese mit ihren besonderen Möglichkeiten der Artikulation und Klangfarbe.

Regina Wohlfahrt



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