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TA-RYONG II

für 16 Instrumentalisten (1987/88)



TA-RYONG II für 16 Instrumentalisten entstand 1987/88 im Auftrag des IRCAM und des Goethe-Institutes Paris für das Ensemble Modern, Frankfurt. Die Uraufführung fand im Mai 1988 in Paris unter der Leitung von Hans Zender statt. 

Werkkommentar von Younghi Pagh-Paan


Im Jahre 1977 schrieb ich für eine Uraufführung von Freiburger Musikstudenten im Freien das kleine Musikstück TSANG-TA-RYONG ("Markt-Musik"). Es war die erste Ensemble-Musik, die ich in Europa komponierte. Dabei wurde ich angeregt durch eine Musiziertradition, wie sie in Korea seit vielen Jahrhunderten besteht. Ein großer Teil der Musik unseres Bauernvolkes wurde schon immer auf dem Markt - dem Mittelpunkt des Dorfes - gemacht. Mitte der siebziger Jahre wurde diese Tradition, die man sich sehr breitgefächert vorzustellen hat - es handelt sich nicht nur um Musik und Gesang, sondern ebenso um Tanz, Maskentanz, Artistik, Theater -, von der koreanischen Studentenbewegung aufgegriffen und neu praktiziert. Gruppen von Musikern und Nichtmusikern übten zusammen und schufen neue Texte für aktuelle Inhalte, die sowohl Protest wie auch Einsatz, z.B. für die Anliegen der Bauern, in traditioneller Weise auf die Straße brachten. Wenn ich mit TA-RYONG II eine differenzierte Ensemblemusik für den Konzertsaal schreibe, ist mir natürlich bewusst, dass ich mit ihr nicht auf die Straße, nicht auf den Markt gelange, dass ich weder Texte noch Masken noch Tanz verwenden werde. Trotzdem möchte ich versuchen, etwas von jener Lebendigkeit und resistenten Kraft ins Konzert hinüberzutragen, welche diese alten Traditionen bei uns auszeichnen und sie immer wieder im Laufe unserer Geschichte zu einer Wurzel des Widerstands gemacht haben.

Zum Titel: TA-RYONG ist einer der allgemeinsten Begriffe der koreanischen Musik. Wir nennen TA-RYONG das Wiederholen eines Grundrhythmus in einem immer wiederkehrenden Vierer- oder Sechsermetrum. (Wenn jemand beim Sprechen sich ständig wiederholt, dann sagen wir, er leiert ein TA-RYONG). Die Faszination des TA-RYONG besteht aber gerade in der nahezu unbegrenzten Variierungsfähigkeit dieser immer gleichen Grundlage, insbesondere in der Bauernmusik (Nong-Ak). An dieses konkrete Genre des Musizierens, an das ich mich lebhaft aus meiner Kindheit erinnere, versuche ich anzuknüpfen. Es war ein spontanes Musikmachen in Gruppen von sechs und mehr Musikern verschiedener Besetzungen, von denen aber immer zwei Schlagzeuger die Musik führten. Auf großen Märkten traten sie dann und wann mit irgendwelchen Artisten (Seiltänzern, Akrobaten) oder mit Maskentänzen auf. Auch bedeutet mir das Atmosphärische solcher noch im täglichen Leben integrierter Musik viel. Andererseits beschäftige ich mich in meiner Musik - die sich zwar auf koreanischem Musikempfinden aufbaut, aber die Entwicklung der europäischen Kunstmusik unseres Jahrhunderts so wach wie möglich zu reflektieren versucht - das Problem der Wiederholung in ihrem Verhältnis zum Suchen und Auffinden immer neuer, wenn möglich frischer Veränderungen. Diese Problematik habe ich in TA-RYONG wieder aufgegriffen und besonders viel Sorgfalt darauf verwendet, sie auf der rhythmischen und auf der Tempo-Ebene, bis hin zu Episoden von Polytempik, weiterzuentwickeln.

Younghi Pagh-Paan (1988)



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