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NIM

für großes Orchester (1986/87)


Kompositionsauftrag des Südwestfunks Baden-Baden
Uraufführung: Donaueschinger Musiktage 1987



Seit dreizehn Jahren lebe ich in Europa. Fast alles, was ich hier heute zu formulieren habe, verdanke ich dieser langen Zeit – und doch nicht alles. 1983 schrieb ich in einem Aufsatz für das Jahrbuch "Neuland": "...ohne Zweifel stehe ich erst am Anfang einer Entwicklung, deren Ufer ich noch nicht absehen kann. Ich möchte mich aber auf eines verlassen können: Dass ich keine Musik schreiben werde, die mich von dem entfernt, was mir als Wurzel unserer Kultur bis heute innewohnt." Wie für viele, die, wie wir sagen, draußen leben – wenn auch aus freiem Entschluss -, brachte die zunehmende Einsicht der Ferne eine Gegenbewegung in mir hervor. Diese zwingt mich, in die eigene Geschichte einzudringen, welche mir wie ein Spiegel einer allgemeinen Weltsituation erscheint. Das meint, nicht zu vergessen, was ich wusste und so gut es geht abzuklären, was ich nicht gewusst habe. Das wenigste, was ich auch im Ausland tun kann, ist, meine Erinnerung wach zu halten. So ist es für mich heute eine schwerer lastende Herausforderung, Tausende Kilometer entfernt von jener Erde, der ich entstamme, ein Orchesterstück zu schreiben. 

Lange bevor ich an NIM dachte, kamen mir die Gedichte eines Mannes in die Hände, der 1935 in der Region Kwangju geboren wurde. Anders als Kim Chi-Ha, dessen Gedichte bei uns zwar immer wieder verboten wurden, aber in mehreren Sprachen ins Ausland gelangten, ist Mun Byung-Lan ein eher regionaler Dichter geblieben. Am Volksaufstand in Kwangju im Mai 1980, der mit einem von der Welt viel zu schnell vergessenen Massaker endete, war er direkt beteiligt. Zweifellos hatten seine Gedichte im Volk Verbreitung und Widerhall gefunden, er ist der Volksdichter dieser Stadt. Die Regierung verdächtigte ihn der Studentenaufwiegelung, und die Staatspolizei verfolgte ihn. Es gelang ihm aber unterzutauchen. Niemand hat ihn verraten. Schon 1981 erschienen seine Gedichte zum sechsten Mal. Eines der Gedichte spricht von unserer Erde, ein Liebesgedicht, wie er es nennt. Diese Zeilen trafen mich tief. Die Metaphern der geschundenen, gequälten, niedergetrampelten Erde haben mich nicht mehr los gelassen. 

So ist NIM das dritte meiner Stücke, das diese Thematik aufgreift. In NO-UL (Sonnenuntergang, für drei Streicher) war ich auf der Suche nach einem tiefen, dunklen, warmen Klang. Der "Erdklang", einer der Materialklänge des traditionellen chinesischen "Achtklanges", ist im taoistischen Sinne etwas Allumfassendes, wie der Himmel. "Rote Farbe sinkt wie das Blut von Generationen in die Erde". In HWANG-TO (Gelbe Erde) für Chor und Instrumente auf Gedichtfragmente Kim Chi-has ist die Erde ein einziger Schrei. Und nun gar ein Liebesgedicht? Mun Byung-Lans Verse versuche ich hier in einer Rohübersetzung wiederzugeben, da sie bislang unübersetzt sind.

Younghi Pagh-Paan



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